ه‍.ش. ۱۳۸۸ فروردین ۲۲, شنبه

Der selbstbewusste Kampf der Frauen im Iran

30 Jahre nach der Islamischen Revolution: Eine neue iranische Generation fordert ihre Rechte ein.

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Teheran - Sie rechnet jederzeit damit, dass es an der Tür klopft. Immer, wenn sie im Treppenhaus Schritte hört, denkt sie einen Augenblick lang: Jetzt ist es soweit. Rund 70 Frauenrechtsaktivistinnen sind derzeit in Haft. Auch Mansoureh Shojaee ist bereits mehrfach verhaftet worden. Die 50-Jährige sitzt in ihrer Wohnung im Zentrum von Teheran, eine schlanke, hochgewachsene Frau mit scharf geschnittenem Gesicht. "Ich habe keine Angst, aber ich warte darauf, dass sie kommen und mich mitnehmen", sagt sie kühl.

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Der stille Kampf der iranischen Feministinnen ist härter geworden. Einerseits geht der Staat mit zunehmender Schärfe gegen die Aktivistinnen vor, seitdem der konservative Hardliner Mahmud Ahmadinedschad Präsident ist. "Wir spüren den Druck viel heftiger", sagt Shojaee. Ob sie sich von den Präsidentschaftswahlen im Juni eine Verbesserung verspricht? Sie winkt ab, sie hat nicht viel Vertrauen in die Politiker. Andererseits haben auch die Frauenrechtlerinnen den Einsatz erhöht: "Wir sind heute viel stärker und besser koordiniert als noch vor wenigen Jahren."

Shojaee wirkt rastlos, macht energische Gesten, fährt sich mit den Fingern durch das kurze dunkle Haar, setzt ihre Brille auf und wieder ab. Man kann sie sich richtig gut auf dem Podium einer Kundgebung vorstellen. Aber die sind in Iran verboten. Im Juni 2006 versammelten sich dennoch auf dem Haft-e Tir Platz im Zentrum der Stadt Hunderte Frauen, um zum ersten Mal seit der Islamischen Revolution vor 30 Jahren für ihre Rechte zu demonstrieren. Die Polizei trieb die Menge mit Schlagstöcken und Tränengas auseinander, verhaftete Dutzende. "Sie haben uns noch nicht einmal anfangen lassen", erinnert sich Shojaee, "aber trotzdem haben wir hinterher unheimlich viel Feedback bekommen." Also änderten die Feministinnen ihre Strategie - und verlegten sich auf die Graswurzel-Ebene. Nun ziehen sie durch Städte und Dörfer, zu zweit oder zu dritt, sie gehen in Schönheitssalons, Geschäfte, sie sprechen die Leute an Bushaltestellen an und erklären, wie das iranische Recht Frauen benachteiligt. Dass die Zeugenaussage einer Frau nur halb so viel wert ist wie die eines Mannes. Sie informieren über Polygamie, das Verbot weiblicher Richter und die Steinigung von Ehebrecherinnen. Wer sich überzeugen lässt, unterzeichnet eine Petition "Eine Million Unterschriften für mehr Gleichberechtigung". Sobald diese Zahl erreicht ist, sollen die Listen dem Parlament vorgelegt werden, zusammen mit Vorschlägen für Gesetzesänderungen.

Mansoureh Shojaee ist gerne in den entlegenen Provinzen unterwegs. Doch immer wieder stößt sie auf neue Hindernisse, stellt zum Beispiel fest, dass die Menschen mit Propaganda aufgehetzt worden sind. Einmal stellte sich ihr eine alte Frau in den Weg, zeigte auf die jüngeren Aktivistinnen neben ihr und schimpfte: "Es ist eine Schande, dass du diese Mädchen in unsere Stadt bringst, damit sie sich prostituieren." Oftmals konfisziert die Polizei ganze Stapel ausgefüllter Listen. Die Frage, wie viele Unterschriften sie mittlerweile haben, mag Shojaee daher nicht beantworten. "Unter diesen Bedingungen ist die Zahl nicht das Wichtigste", sagt sie, "sondern die Tatsache, dass wir die Kampagne durchführen."

Das Regime weiß, welche Macht Graswurzelbewegungen entfalten können - schließlich ist der Gottesstaat selbst das Produkt einer solchen Revolution. "Es gibt zwei Bevölkerungsgruppen, bei denen das Regime nicht weiß, was es mit ihnen anstellen soll: Studenten und Frauen", sagt ein politischer Analyst in Teheran. "Ein paar Aktivisten können sie kontrollieren. Wenn sich das Ganze aber zu einer Volksbewegung auswächst, dann lässt es sich nicht mehr eindämmen."

Einstweilen ist es dem Staat gelungen, ein Klima der Angst zu verbreiten, in dem die meisten Frauen davor zurückscheuen, offen für Gleichberechtigung einzutreten. "Man kann nicht viel erreichen", sagt Maryam, 23 Jahre alt, "außer dass man seine eigene Situation sehr viel schlimmer macht." Die Studentin sitzt in einem kleinen Café nahe ihrer Universität, sie spricht leise und starrt auf die Tischplatte. Sie zählte zu denen, die während der Demonstration auf dem Haft-e Tir Platz im Juni 2006 verhaftet worden sind. Zwei Tage blieb sie im Gefängnis. "Sie haben mich nicht geschlagen, aber wie sie mich behandelt haben, das war mentale Kriegsführung. Ich hatte zwei Monate später noch Albträume", erzählt sie, bricht dann ab und zündet sich eine Zigarette an. Mehr will sie zu diesen beiden Tagen nicht sagen, weil sonst die Erinnerungen zurückkommen. "Das war das erste Mal, dass ich politisch aktiv gewesen bin", murmelt sie. "Ich werde es nie wieder tun."

Abseits von Kampagnen jedoch, im privaten Raum, ist etwas in Gang gekommen: Die wachsende Alphabetisierungsrate und die Verfügbarkeit von Informationen über Internet und Satellitenfernsehen haben dazu geführt, dass das Bewusstsein der Frauen für ihre Rechte maßgeblich gestiegen ist. Ausgerechnet die Islamische Revolution hat diese Entwicklung begünstigt. Unter dem Schah ließen traditionelle Familien ihre Töchter oft nicht zur Schule gehen, um sie dem als unislamisch empfundenen staatlichen Umfeld fern zu halten. Dieser Vorwand war mit Einführung von Kopftuchpflicht und nach Geschlechtern getrenntem Unterricht außer Kraft gesetzt. Derzeit sind an den Universitäten sieben von zehn Studenten weiblich. Eine Generation von eigenständigen, graduierten, berufstätigen Frauen ist herangewachsen, die selbstbewusst die Kontrolle über ihr Leben einfordern.

Das Teheraner Familiengericht liegt am Vanak-Platz im Norden der Stadt, ein funktionales Gebäude aus grauem Beton. Drinnen, auf einer Wartebank, hockt eine blasse junge Frau. Sie blättert nervös in dem Stapel Dokumente auf ihrem Schoß. "Direkt nach der Hochzeit hat mein Mann angefangen, mich zu schlagen. Ich dachte, das wird sich mit der Zeit schon geben", sagt Negar. "Doch statt dessen wurde es immer schlimmer." Also traf sie eine Entscheidung, die noch vor zehn Jahren nahezu undenkbar gewesen wäre: Sie reichte die Scheidung ein. Bemerkenswert ist, dass die 25-Jährige keine Vertreterin der Oberschicht ist, sondern die Frau eines Automechanikers aus einem ärmlichen Vorort. Sie schüttelt entschlossen den Kopf und sagt: "Ich dachte: Das ist doch nicht richtig, wenn ein Mann eine Frau schlägt."

Nach Regierungsangaben hat sich die Zahl der Scheidungen in Iran in den vergangenen 15 Jahren bereits vervierfacht. Die Anwältin Zahra Arzani hat beobachtet, dass es zunehmend die Frauen sind, die das Ende der Ehe durchsetzen. "Die Einstellung hat sich geändert", schildert sie. "Früher galt das Sprichwort: ,Eine Braut betritt das Haus ihres Mannes in weiß und verlässt es in weiß.' Damit sind Brautkleid und Totenhemd gemeint. Heute glauben Frauen nicht mehr, dass das so sein muss."

Freilich, räumt sie ein, ist ihr Handlungsspielraum als Juristin eingeschränkt, weil alle Gesetze auf Seiten der Männer sind. "Eine Frau kann nicht einfach sagen: Ich bin mit der Ehe unzufrieden. Sie muss Gründe für die Scheidung haben und diese vor Gericht beweisen können", erklärt sie. Zudem erhält der Vater automatisch das Sorgerecht für Kinder ab sieben Jahren. Die 41-Jährige hat daher in einem Online-Ratgeber aufgelistet, auf was junge Frauen bei ihrer Heirat achten sollten, dass sie sich zum Beispiel in einem Ehevertrag bestimmte Rechte garantieren lassen können. Nur hilft das derzeit niemandem weiter, weil die staatliche Zensurbehörde Arzanis Webseite gesperrt hat. Zahra Arzani wählt ihre Worte mit Vorsicht aus, tastet sich förmlich verbal voran, um nicht an die Grenzen des Zulässigen zu stoßen. Sie weiß, wie heikel das Thema ist. "Wenn du Gleichberechtigung verlangst, muss irgendwer um seine Privilegien fürchten", meint sie. "Die Politiker flüchten sich in Religion und Tradition, um die Situation so bewahren, wie sie ist."

Von Gabriela M. Keller , Welt Online


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